Modernisierung eines Vierkanthofes

BAUHERR: privat, Wiesbaden
LEISTUNGSUMFANG: LP 1-3, 5-8 in Teilen
PLANUNG: 2023/2024
FERTIGSTELLUNG: 2026

Der Vierkanthof in der Köhlstraße steht in der Tradition des ehemals stark landwirtschaftlich geprägten Erbenheim. Wohnhaus, Stall- und Wirtschaftsgebäude bildeten einen geschlossenen bäuerlichen Hof, in dem Arbeiten, Lagern und Wohnen eng miteinander verbunden waren. Zur Nutzung des Hofes gehörte auch die Verarbeitung der eigenen Ernte. Überliefert ist hier die Herstellung von Apfelmost – eine für die Wiesbadener und südhessische Region typische Form bäuerlicher Selbstversorgung, bei der die Obsternte im Herbst gekeltert und als Most beziehungsweise Apfelwein haltbar gemacht wurde. Der Hof erinnert damit an eine Zeit, in der Erbenheim noch wesentlich von Landwirtschaft, Obstbau und kleinbäuerlichen Wirtschaftskreisläufen geprägt war.

Bei der Sanierung stand nicht die Überformung, sondern der behutsame Umgang mit diesem gewachsenen Bestand im Vordergrund. Die kleinteilige Struktur der Hofanlage mit ihren unterschiedlichen Gebäudeteilen, Proportionen und räumlichen Situationen wurde bewahrt und in ihrer Lesbarkeit gestärkt. Spuren der historischen Nutzung blieben erhalten und bilden weiterhin die Grundlage für den Charakter des Ensembles.

Gleichzeitig wurde der Hof behutsam in die Gegenwart überführt. Die energetische Ertüchtigung erfolgte mit Rücksicht auf die vorhandene Bausubstanz. Wärmedämmmaßnahmen wurden dort, wo es die Fassaden und historischen Oberflächen erforderten, teilweise als Innendämmung ausgeführt. Eine Photovoltaikanlage ergänzt das energetische Konzept und verbindet den Erhalt der historischen Architektur mit heutigen Anforderungen an einen nachhaltigen Gebäudebetrieb.

Neue Bauteile bleiben dabei bewusst als zeitgenössische Eingriffe ablesbar. Eine Glas-Stahl-Fassade und ein Steg aus Stahl in der ehemaligen Scheune setzen klare moderne Akzente. Sie versuchen nicht, historische Formen nachzuahmen, sondern ergänzen den Bestand mit einer eigenen, zurückhaltenden Architektursprache. Durch die Reduktion auf wenige Materialien und schlanke Konstruktionen fügen sich die neuen Elemente selbstverständlich in das Gesamtbild ein und lassen Alt und Neu miteinander in Dialog treten.

Aus der kleinteiligen Hofstruktur entwickeln sich heute unterschiedliche Bereiche mit jeweils eigener räumlicher Qualität. Offene und geschützte, gemeinschaftliche und private Zonen wechseln einander ab. Der Innenhof bildet dabei weiterhin das verbindende Zentrum der Anlage, während die einzelnen Gebäudeteile ihren jeweils eigenen Charakter bewahren.

So entsteht aus dem historischen Vierkanthof kein vollständig neu interpretiertes Gebäude, sondern eine Weiterentwicklung des Vorhandenen. Die Geschichte des Ortes bleibt ablesbar, während gezielte zeitgenössische Eingriffe neue Nutzungen und neue räumliche Qualitäten ermöglichen. Vergangenheit und Gegenwart stehen nicht im Widerspruch zueinander, sondern bilden gemeinsam den besonderen Charakter des Hofes.

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